Trauer

Warum trauert der Mensch eigentlich manchmal um etwas oder jemanden ?

Zunächst erscheint die Frage ja ziemlich lapidar. Es erscheint uns normal zu sein, dass man etwas oder jemandem hinter-her-trauert. Aber warum genau trauert man denn nun wirklich ? Man wird ja wohl kaum darum trauern, weil man dem anderen das Leben im Jenseits nicht gönnt ?

Dies soll genauer untersucht werden. Dabei fällt auf, dass es immer optionale Möglichkeiten sind, die zuvor zur Verfügung gestanden hätten, aber nach dem Verlust des Gegenstandes oder der Person nicht mehr zugänglich sind. Man trauert sozusagen über verlorene Chancen und Möglichkeiten. Beispielsweise ist jemand gestorben und wir "trauern um ihn". Schaut man aber ehrlich hin, so sind es eigentlich die verlorenen Möglichkeiten, um die wir trauern, Wir können nun beispielsweise keine Zeit mehr mit ihm verbringen. Diese Möglichkeit ist nun passe.
Nun wird auch klarer, was Trauer mit "sich etwas trauen" zu tun hat.
So gibt es zwei Varianten in denen der Trauernde sich etwas nicht getraut haben könnte:

  1. Der erste Fall tritt ein, wenn der Trauernde sich zu Lebzeiten der Person etwas nicht getraut hat zu tun, oder geglaubt hat etwas nicht tun zu können. Dann trauert er wirklich einer vertanen Chance nach die aus der eigenen Feigheit nie genutzt wurde. Man hat sich zu Lebzeiten der Person beispielsweise nicht getraut, ein so intensives Zusammensein zu erleben, dass es zu einer echten "Erfüllung" gekommen wäre. Dieser vertanen Chance trauert man nach. Man fühlt sich leer (=traurig) weil die erhoffte erFüllung nicht stattfand.
    Stirbt ein Partner aus einer erfüllten Beziehung, die zu vollkommener Blüte und Reife geführt hat, so gibt es keine Trauer am Ende, sondern stattdessen nur Friede. Allerdings gibt es solche Beziehungen nur noch sehr selten, weil so wie in unseren Wäldern die Bäume getötet werden bevor sie alt und weise sind, so müssen auch die Menschen in unserer Gesellschaft vorschnell sterben.
  2. Der zweite Fall oder Grund zu trauern besteht darin, dass die trauernde Person sich nicht getraut hat der verstorbenen Person ins Jenseits zu folgen. Auch hier gibt es also einen tiefenpsychologischen Grund wegen der eigenen Feigheit zu trauern.

Oftmals wird ja geglaubt, Trauer sei Egoismus, dass der Trauernde dem Verstorbenen sozusagen nicht gönnt im Jenseits zu leben und so weiter. Aber wie man sieht, hat Trauer mehr mit "sich etwas nicht getraut haben" zu tun, als man denkt..

Bitte beachten Sie auch die Übung zur verdrängten Trauer im Übungsbereich.


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